Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Afghanischer Brief an die Grünen

In einem Offenen Brief wenden sich afghanische Abgeordnete, die afghanische Menschrechtskommission, Vertreter von NGOs und Privatunternehmer in Afghanistan an die Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen:

Offener Brief

an die Mitglieder “Der Gruenen”

Betroffen und mit grosser Spannung verfolgen wir die Diskussion ueber den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan und die Sendung von Tornados  innerhalb Ihrer Partei und in Ihrem Bundestag.

Wir waren im Glauben, dass insbesondere Ihre Partei verstehen wuerde, warum wir Afghanen, Sie unsere deutschen Freunde im Kampf gegen Taliban und Al Qaida an unserer Seite brauchen. Vielmals besuchten Mitglieder Ihrer Partei unser Land, sprachen mit den unterschiedlichsten Afghanen,  somit duerfte Ihrer Partei am deutlichsten von allen die Grausamkeiten und der Terror der Taliban bewusst sein.  Die Gefahr, dass sich diese Grausamkeiten an den Menschen in Afghanistan wiederholen besteht. Wenn Sie nicht an unserer Seite sind, wer soll uns dann vor dieser drohenden Gefahr beschuetzen? Welche afghanische Polizei? Welche afghanische Nationalarmee? Leider sind wir nocht nicht soweit uns alleine zu verteidigen zu koennen. Die Gefahr durch Taliban und Al Qaida ist existent und muss gemeinsam bekaempft werden. Bei einem Abzug der auslaendischen Truppen aus Afghanistan jedoch fuerchten die meisten Afghanen auch einen Buergerkrieg angefuehrt durch rivalisierende Warlords, die nur darauf warten, dass ISAF das Land verlaesst.

Mit Schrecken hoeren wir ausgerechnet afghanische Stimmen in Deutschland, die davon sprechen, dass es den Frauen in Afghanistan heute schlechter ginge  als zu Talibanzeiten. Die Realitaet sieht anders aus: Ueber 1 ½ Millionen Maedchen gehen heute zur Schule, mehr als 25% der Parlamentarier in beiden Parlamentshaeusern sind Frauen, Ministerien werden von Frauen geleitet, die Menschenrechtskommission wird von einer Frau geleitet, Afghanistan hat eine  BotschafterIN in Deutschland und weitere in anderen Staaten, afghanische Frauen machen Business, sind in Universitaeten - sie sind praesent. Ist das nicht ein Erfolg, den wir gemeinsam erreicht haben? Die Frauen und Maedchen Afghanistans sind dankbar dafuer.

Stellen Sie sich vor, ISAF waere nie nach Afghanistan gekommen: Was waere in Afghanistan?  Wie gross und maechtig waere Al Qaida geworden? Wie sehe unsere Welt aus?

Loesen Sie sich bei Ihrer Entscheidung von den negativen Berichterstattungen der letzten Monate, sondern vertrauen Sie auf das Wort Ihrer eigenen Parteimitglieder, die hier waren und sich selbst ein Bild machen konnten. Sehen Sie die positiven Entwicklungen:  das afghanische Volk hat sich zu 80% an den Praesidentschaftswahlen beteiligt, das afghanische Volk hat fuer eine Regierung gegen den Terror gestimmt und somit auch fuer ISAF in Afghanistan. Es ist der Will des afghanischen Volkes, das ganz insbesondere auch Deutsche Soldaten im Land sind. Den Ruf den die Deutschen im Lande bei der Mehrheit der Afghanen geniessen ist einzigartig. Deutschland ist vielleicht die einzige Nation, der die Afghanen – egal ob Pashtune, Hazara oder Tadschike -  keine negativen Hintergedanken bei der Unterstuetzung der afghanischen Regierung unterstellen.

Wir geben zu, dass in den letzten Jahren in Afghanistan nicht alles richtig gelaufen ist. Lassen Sie uns aber deshalb nicht auf halbem Weg aufgeben, sondern gemeinsam ueberlegen, was wir falsch gemachen. Wir muessen an unserer Wiederaufbaustrategie und Staatsbildung gemeinsam arbeiten.

Eine Ablehnung des Wunsches des afghanischen Volkes neben humanitaerer Unterstuetzung auch nach deutscher militaerischer Unterstuetzung, waere ein Rueckschlag fuer die junge Demokratie in Afghanistan und ein Erfolg fuer die Terroristen. Sie weisen zwar immer wieder darauf hin, dass Sie das ISAF-Engagement nicht in Frage stellen und es Ihnen um OEF und die Tornado-Einsätze geht. Sie verkennen aber, welche Signalwirkung das in unserem instabilen Land hat. Die Menschen differenzieren nicht zwischen deutschen Tornados oder dem ISAF-Einsatz. Das, was ausschließlich ankommt ist, dass die Deutschen den Abzug vorbereiten. Die deutschen Tornado-Einsätze und die damit zusammenhängende innenpolitische –und rein deutsche- Debatte ist hier nicht bekannt. Im Gegensatz zu dem, was auf Ihrem Sonderparteitag behauptet wurde, spielen die deutschen Tornado-Einsätze überhaupt keine Rolle! Wir empfinden es als sehr befremdlich, dass ausgerechnet die Grünen eine rein interne Parteidebatte auf Kosten der Menschen in Afghanistan führt. Wie kann ein Herr Zion behaupten, im Interesse des afghanischen Volkes zu sprechen? Wieso hat uns niemand gefragt, zu kommen und Ihnen zu sagen, wie wichtig das deutsche militärische Engagement ist.

Ohne den politischen Willen Deutschlands, wird Afghanistan in spätestens 1-2 Jahren vergessen sein. Setzen Sie Ihre Signale bitte mit Bedacht und bitte denken Sie daran, welches Vertrauen auf Sie ruht.

Was wird aus uns, was wird  aus Afghanistan und was werden die Folgen fuer die Weltgemeinschaft sein, wenn Sie uns jetzt verlassen: Al Qaida wird zum Gewinner; diese Terroristen werden denken, dass Ihre Strategie aufgeht und werden Ihre Aktivitaeten von Afghanistan aus auf die ganze Welt ausweiten; in Afghanistan wird wieder ein Buergerkrieg ausbrechen. Die Bekaempfung von Terrorismus dann, wuerde viel schwieriger und teurer werden. Die Menschenleben die bis dahin ueberall auf der Welt verschwendet werden sind unbezahlbar.  Afghanistan ist schon einmal in einer schwierigen Zeit, nach Abzug der Sowjets, alleine gelassen worden. Die Konsequenzen davon waren der schreckliche 11. September 2001, die schrecklichen Attentate von Barcelona und Bali, um nur einige zu nennen. Lassen Sie und diesen Fehler nicht noch einmal begehen.

Wenn Sie hier in diesen Tagen den Menschen auf der Strasse erzaehlen, dass die Deutschen, dass Land verlassen wollen, so sehen sie nur Unglauben und Angst auf den Gesichtern – ob alt, jung, reich oder arm, Mann oder Frau.

Der Krieg gegen den Terror in Afghanistan und ueberall auf der Welt ist noch nicht zu Ende.

Wir koennen noch gewinnen, wenn wir zusammenhalten. Fuer ein friedliches, demokratisches Afghanistan, ein sicheres Deutschland und eine bessere Welt.

Unterzeichnet:

-    Vertreter des afghanischen Parliamentes: Shinkay Karokhail, Mir Ahmad Joyenda, Nur Akbari, Watanwal, Gharghashta Suleimankhail, Dr. Satir, Soleha Mehdzad, Gulhod Jalal und andere

-    Vertreter der Unabhaengige Menschenrechtskommission: Fahim Hakim, Nader Naderi, Farid Hamidi und andere

-    Vertreter des Afghanischen Zivilgesellschaftsforums (ACSF): Aziz Rafi und Mitarbeiter sowie Mitgliedsorganisationen von ACSF

-    Mitarbeiter der Stifung fuer Kultur und Zivilgesellschaft (FCCS)

-    Mitarbeiter von AWEC (Afghan Women’s Educational Center)

-    Mitarbeiter von TLO (Tribal Liaison Office)

-    Adela Mohseni und andere afghanische Menschenrechtsvertreter

-    Palwasha Hassan und andere afghanische Frauenrechtsaktivistinnen

-    Mitarbeiter von SYNERGY und andere afghanische Privatwirtschaftsvertreter

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