Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Hilferuf für Syrien von Christoph Reuter

Liebe Besucherinnen und Besucher meiner Website,

zum Jahresbeginn erreichte mich eine Email von Christoph Reuter. Er ist einer der erfahrensten Kriegsberichterstatter, die wir haben (GEO, Stern, Die Zeit - Irak, Afghanistan/Kundus). Sein tiefes Erschrecken über das, was er in Syrien sieht, will ich Ihnen nicht vorenthalten. Dort sei mehr Grauen, als er je zuvor gesehen habe. Ich bin selber erschrocken, wie wenig uns dieser Krieg aufwühlt. Ich bitte Sie, seinen Aufruf zu lesen. Christoph Reuter empfiehlt zwei Organisationen, die man mit einer Spende finanziell unterstützen kann, um den Kindern und Familien in Syrien zu helfen.

Zutiefst erschüttert,

Marieluise Beck.

Liebe Freunde,

ich tue sowas sonst nie - aber ich habe auch noch nie so etwas erlebt wie in den vergangenen zwei Jahren. Wie Menschen, die nichts Unstatthaftes gefordert haben, von Scharfschützen wie Tiere gejagt werden, wie Hubschrauber über Krankenhäusern kreisen und Raketen dorthin feuern, wo sich jemand regt. Wie ganze Häuser einstürzen, und ihr wollt gar nicht wissen, wie Menschen aussehen, die wir dann in den Kellern der Notkrankenhäuser sehen, wenn sie auf Pickups, Motorrädern, getragen von den anderen eingeliefert werden.

Ich habe ziemlich viel gesehen in den letzten 20 Jahren, soviel Irrsinn, Gaza, Irak, Afghanistan, Libyen, aber so etwas Grausames wie jetzt in Syrien habe ich noch nie erlebt. Alle paar Wochen stirbt jemand von denen, die wir kennen, und das sind nicht die Kämpfer, sondern jene, mit denen wir zu tun haben, die Helfer bei den Fahrten durchs Land, die Leute der lokalen Räte, die Ärzte, die Logistiker, die Journalisten, die ganz normalen Menschen, die versuchen, ihr Land zu retten gegen die Vernichtung durch dessen Regierung.

Ihr habt das sicher schon alle gehört, dass Millionen auf der Flucht sind, ihre Städte zerbombt, ihre Existenzen vernichtet, sie selbst ausgehungert, frierend und voller Angst. Aber ich erlebe das. Und dann wird aus Zahlen eine nicht abreißende Kette kurzer, langer Begegnungen mit Menschen.

Es fehlt an allem: Nahrung, Medikamenten, Ärzten, Lehrern, Zelten, Brennstoff, die Liste ist endlos. Nach zwei Jahren und zwölf Reisen ins Landesinnere kenne ich verlässliche Hilfsorganisationen, die unter den extremen Umständen Krankenhäuser, Schulen, die Bewohner belagerter Stadtviertel versorgen.

Und ich bitte euch zu spenden!

Ich habe einen kleinen Text für die Korrespondentenberichte im Spiegel geschrieben, hier die längere Fassung:

„Warum bist du hergekommen?“, fragte er an einem Nachmittag im April, als die Panzer der 4. Division wie jeden Tag von den Hügeln auf die Häuser schossen. Es war zu gefährlich, vor die Tür zu gehen. Er sprach nicht gern, schon gar nicht über sich. Aber nun saßen wir fest und redeten. Er erzählte davon, dass er mal Polizist war, nun koche für eine kleine Rebelleneinheit. Irgendwann fragte er: „Hast du Kinder?“

Ja, einen kleinen Sohn.

„Ich auch. Einen kleinen Sohn.“ Und dann entstand eine Pause, er schaute stumm auf die Wand, bis er sich räusperte und weitersprach. Dass er eigentlich zwei Kinder habe, nein, hatte, bis vor sechs Wochen. Als eine Granate wie jene, die wir aus der Ferne hörten, sein Haus traf. Das abgegriffene Foto eines kleinen, lachenden Jungen war alles, was ihm von seinem jüngsten Kind geblieben war.

Vom Koch aus der Stadt Zabadani haben wir so wenig berichtet wie über die entkommene Frau, die wir mit ihren zwei überlebenden Kinder trafen. Die anderen beiden und ihr Mann waren vor dem Haus ermordet worden, in dem sie sich versteckte. Oder über den Cousin unseres Übersetzers, der im Sommer beim Brotholen von einem Scharfschützen erschossen wurde. Oder den Chronisten aus Damaskus, mit dem wir immer wieder über Skype sprachen, bis er im November unter den Trümmern seines einstürzenden Hauses für immer verstummte.

Als Reporter dem gewaltsamen Sterben anderer beizuwohnen, ist für gewöhnlich eine große Geschichte. So ist das, ganz nüchtern. Aber wenn dieses Sterben selbst gewöhnlich wird, einfach immer weitergeht, ist es irgendwann nicht einmal mehr eine Nachricht.

Je furchtbarer die Lage, desto geringer wird unsere Anteilnahme. So nüchtern. Aber manchmal wäre es schön, wenn das Sterben der anderen nicht nur auf gelangweiltes Schulterzucken stieße.

Weihnachten, dieses aufreibende Fest zu oft gespielter Lieder und opulenter Mahlzeiten, werden wir Deutschen auch dieses Jahr wieder in geheizten Räumen verbringen. Es wird Strom geben, Trinkwasser und eine medizinische Versorgung, falls doch jemandem etwas passiert. Auch wird das Geräusch eines nahenden Flugzeugs niemanden in bodenlose Furcht davor versetzen, dass Sekunden später Hunderte Kilo TNT und Stahl das Haus zerreißen und jeden töten, der sich darin aufhielt.

Es mag seltsam klingen, all diese Dinge zu erwähnen.

Aber ungefähr neun Millionen Syrer auf der Flucht haben fast nichts mehr. Jene Glücklichen, knapp drei Millionen, die ins Ausland geflohen sind, sitzen in Lagern und Zelten zumindest ohne Angst vor Bomben. Aber auch von ihnen werden manche den Winter nicht überleben.

Es wäre überdies schön, wenn wir uns daran erinnern würden, dass diese Menschen vor fast drei Jahren nichts anderes forderten, als wir für selbstverständlich halten. Freiheit, Rechte und das, was im Grundgesetz so weit oben steht, von der Würde des Menschen, die unantastbar sei. Falls diese Worte auch für Syrer gelten, wäre es eine Würdeform der Anteilnahme, ihnen wenigstens beim Überleben jetzt zu helfen. Zu spenden. Ganz nüchtern.

Wer sich anschauen mag, wie ein Krankenhaus sich in einen Ort der Apokalypse verwandelt, nachdem eine Schule mit Napalm bombardiert wurde und wie die Ärzte versuchen, die jähe Flut von Patienten zu retten:

http://www.youtube.com/watch?v=1kjNpRhQ8f

Es sind im wesentlichen zwei Organisationen, die ich gut kenne:

www.adoptrevolution.org

unterstützt Schulen, Krankenhäuser und Medienteams, die dokumentieren was geschieht und Kontakt zur Außenwelt halten

www.syrienhilfe.org

unterstützt mit Nahrung, Medikamenten, etc. die Flüchtlinge im Land und in den Lagern in den Nachbarstaaten.

Es gibt weitere, wer will, dem schicke ich die Liste.

Liebe Grüße zu Weihnachten, euer

Christoph

verzeiht den ungewöhnlichen Brief - aber es ist das Grauen dort.

Die Story im Ersten: Syriens Kinder

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