Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Reisebericht Pakistan, 16. bis 21.11.2009, Islamabad und Lahore

Ein Land auf der Kippe - Wer Pakistan mit seiner nationalen Fluglinie ansteuert, bekommt eine Idee von der realen Situation des Landes: ohne massive finanzielle Unterstützung von außen wäre Pakistan schon lange am Ende. Please Inform Allah - diese leicht sarkastische Übersetzung von PIA, des Kurznamens der Pakistan International Airlines, hat mal freundlich, mal erschreckend seine reale Bedeutung.

Ein Land, in dem von 165 Millionen Einwohnern nur 5 Millionen Steuern zahlen, das aber einen Militärapparat von 600.000 Mann unterhält; dessen Bürgerinnen und Bürger mal von den herrschenden Oligarchien, mal von der Bürokratie und mal vom Militär ausgebeutet werden. Ein Land, das schon lange im Bürgerkrieg ist und in dem sich religiös-totalitäre Strukturen immer tiefer in die Gesellschaft hineinfressen. Und dazu ein Land, das Atommacht ist und sich außerhalb der Kontrollen des Atomwaffensperrvertrags bewegt. Noch hält das semi-säkulare Militär die Schlüssel zur Bombe in seiner Hand. Aber auch das Militär verändert seinen Charakter. Die nachwachsende Offiziersgeneration ist von der Islamisierung des Landes nicht unberührt geblieben. Ist es also wirklich „das gefährlichste Land der Welt“? Es ist auf jeden Fall ein höchst gefährdeter, vom Zusammenbruch bedrohter Staat mit einem hohen Gewaltpotential nach innen und nach außen.

Nach der Teilung des Subkontinents in das muslimische Pakistan und das mehrheitlich hinduistische Indien kam das Land nie wirklich zur Ruhe. An seiner Westgrenze liegt Afghanistan, abgetrennt durch eine kolonial gezogene Grenze, die das Stammesgebiet der Paschtunen durchschneidet und deren Verlauf weder Afghanistan noch Pakistan je anerkannt haben. Im Osten der ‚Erzfeind‘ Indien, das den unter seiner Souveränität befindlichen Teil Kaschmirs mit seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung mit harter Hand kontrolliert. Die indische Herrschaft über Kaschmir zu destabilisieren ist inoffizielles, aber beharrlich verfolgtes Ziel des pakistanischen Militärs und des Geheimdienstes.

Zu den äußeren Konflikten kommen innere. Im Westen Pakistans liegen Stammesgebiete, die dem pakistanischen Gesetz nicht unterliegen, archaisch geprägt und von den Machthabern in Islamabad vernachlässigt. Sie sind ideale Schlupfwinkel für ‚Gotteskrieger‘ aus allen möglichen Ländern, die sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet eingenistet haben.

Einst hatte Pakistan eine sufistische, also spirituelle und tolerante Tradition des Islam. Radikale islamische Sekten, die ihren Ursprung in Indien haben, sind sowohl von zivilen als auch von Militärregierungen in Pakistan benutzt worden, um eine islamische Staatsräson zu schaffen und Feindbilder nach innen und außen zu schüren, um ihre eigene Herrschaft zu stabilisieren.

Vor diesem Hintergrund ist es zu erklären, dass man auf Schritt und Tritt auf Verschwörungstheorien und Feindbilder trifft: entweder wollen die Afghanen den Staat zerstören, die Inder ihn überrennen, die Schiiten ihn ins religiöse Verderben stürzen, die Amerikaner ihn unterwandern oder – auch das darf nicht fehlen – die Juden an seiner Zersetzung arbeiten.

Das Denken in Verschwörungen prägt nicht nur das einfache Volk, es durchdringt das Militär und auch die zu Teilen durchaus gut gebildete Mittelschicht. Insbesondere gegenüber den USA besteht ein paradoxes Verhältnis: einerseits ist der Staat – inklusive des Militärs – stark von amerikanischer Finanzhilfe abhängig, andererseits trifft man auf notorischen Antiamerikanismus.

Wer ergründen will, weshalb dieses Land sich mit atemberaubender Geschwindigkeit seiner Zerstörung annähert, muss diese langen Linien historischer Belastungen verstehen, die bis heute die pakistanische Politik und Gesellschaft prägen.

Die kollektive Angst vor dem Zusammenbruch des Staates und dem Verlust der nationalen Existenz bestimmt Gesellschaft, Politik, Militär. Der Feind steht immer außen: Afghanistan, Indien, die USA oder Israel. Diese Feindbilder entheben die führenden Schichten des Landes, die es schamlos ausbeuten, der kritischen Selbstbetrachtung und bereiten den Boden für Extremismen unterschiedlicher Natur. Im radikalen Islamismus verschmelzen Religion und Politik zu einem totalitären System der Beherrschung der Menschen: eine Vielzahl religiöser Lehranstalten (Medrassen) erziehen Millionen von Kindern und Jugendlichen zu religiösen Fanatikern und politischen Extremisten. Ein Beruf erwartet diese jungen Menschen nicht. „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ – die Schlacht gegen den ‚gottlosen Westen‘ (und gegen die säkularen Teile der eigenen Gesellschaft) wird hier in dramatisch effektiver Weise in die Köpfe von jungen Frauen und Männern eingepflanzt.

Diese Schlacht ist schon im Gange, wie die täglichen Anschläge im Land bezeugen, die in Pakistan mehr Menschen zu Tode bringen als in Afghanistan.

Der Krieg in Afghanistan und seine Auswirkungen auf Pakistan

Im Gespräch mit Dr. Ahmed Khan , dem Leiter des Instituts für strategische Studien, wurde sofort deutlich, dass man die innere Entwicklung und die Sicherheitslage Pakistans nicht ohne die Entwicklung in Afghanistan denken kann. Seine Bewertung der Situation in Afghanistan war schonungslos:

Der Petersberger Prozess sei von Naivität geprägt gewesen, im 9. Kriegsjahr gebe es in Afghanistan keine Staatlichkeit, die Institutionen – so überhaupt vorhanden – seien korrupt und ineffizient. Präsident Karzai habe mit den Warlords und Kriminellen zusammengearbeitet und damit den Aufbauprozess schwierig gemacht. Es handele sich nach 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg um eine extrem fragmentierte Gesellschaft.

Es sei von Grund auf falsch, an Afghanistan mit der Frage heranzugehen, ob der Krieg dort ‚gewonnen’ werden könne. Obama müsse in Kategorien der Stabilisierung denken, dazu gehöre der Aufbau lokaler Netzwerke auch unter Einbeziehung von politisch denkenden und verhandlungswilligen Taliban. Dabei müsse allerdings klar sein, dass diejenigen Taliban, die sich zu einer Kooperation entschließen würden, stark gefährdet seien, weil sie der Kollaboration bezichtigt werden würden. Ein Teil von ihnen sei niemals zurückzugewinnen.

Für Pakistan sei die Frage des Abzugs der westlichen Truppen aus Afghanistan eine Frage von Leben oder Tod. Ein hastiger Abzug wäre katastrophal.

Im Unterschied zu den Taliban in Afghanistan, die für sich in Anspruch nehmen könnten, gegen die ‚westliche Besatzung’ zu agieren, würden die Taliban in Pakistan zwischenzeitlich als die Zerstörer des Staates gesehen. Die Entschiedenheit in Pakistan, diesen destruktiven und gegenüber der Bevölkerung extrem gewaltbereiten Militanten vorzugehen, nehme im Lande deutlich zu.

Auch im Außenministerium wurde die enge Verschränkung der Entwicklung Pakistans mit der in Afghanistan betont. Eine Niederlage oder ein Versagen des Westens in Afghanistan würde nach Einschätzung des AM eine Ausweitung des Kriegsgeschehens über Afghanistan hinaus nach sich ziehen. Schon 1988 habe der überstürzte Abzug der sowjetischen Truppen ein Vakuum nach sich gezogen und in der Konsequenz habe es 5 Millionen afghanische Flüchtlinge in Pakistan gegeben. Eine Wiederholung eines solchen überstürzten Abzugs würde diese Katastrophe wiederholen.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Asfand Yar Wali Khan - Sohn eines respektierten Stammesältesten und Vorsitzender der Awami National Party (ANP), einer säkularen pakistanischen Partei - hob hervor, dass die ANP das westliche Engagement in Afghanistan sehr begrüßt hätte, denn sonst sei Afghanistan zu einer arabischen Kolonie geworden. Fakt sei, dass Pakistan Militante für den Dshihad in Afghanistan trainiert habe, außerdem Militante für den Einsatz in Kaschmir und dass sich zudem eine große Gruppe von Militanten aus Usbekistan, Tschetschenien und den arabischen Ländern in der Region aufhielten.

Die Taliban könnten sich nicht auf den Islam berufen, denn wer Zivilisten töte, wer Selbstmordanschläge nicht klar verdamme und wer, wie gerade in Islamabad geschehen, eine Mädchenkantine in die Luft sprenge, der sei kein Gottsucher.

Es gebe in den westlichen Gebieten keine klare Unterscheidbarkeit der Taliban von Al Qaida mehr. So habe der warlord Gulbuddin Hekmatyar die Westgebiete Pakistans zu einem ‚safe haven’, einem Zufluchtsort für Al Qaida Kämpfer gemacht, die von dort aus wieder operieren könnten.

Im Februar 2009 habe die ANP mit den Taliban in den Stammesgebieten ein Abkommen geschlossen: Waffenstillstand gegen Einführung der Scharia. Er, Asfand Khan, habe dieses Abkommen gegen den Willen der Regierung durchgedrückt. Die Militanten hätten den Vertrag nie eingehalten. Damit sei belegt, dass diese Taliban gar keinen Kompromiss wollten. Die Zerstörung von über 200 Mädchenschulen habe auch bei den Stämmen den Widerstand hervorgerufen. Diese seien zwar sehr konservativ, aber dennoch wollten sie, dass ihre Töchter lesen und schreiben lernten, damit sie eine Zukunft hätten.

Sie seien nun entschieden, den Militanten nicht die Macht über die Stammesgebiete und die Grenzzonen im Nordwesten zu überlassen. Es gebe inzwischen ein gemeinsames Agieren der pakistanischen Armee und der Ältesten vor Ort, die eigene Dorfwehren aufbauten. Auch die Entwicklung in Afghanistan müsse in die Hände der Leute vor Ort gelegt werden. Sehr nachdrücklich betonte Asfand Khan, dass Pakistan keine Zukunftschance habe, wenn man die Taliban jetzt in Afghanistan siegen lasse. Er verabschiedete uns mit der Anekdote: "Als meine Großmutter den Großvater heiratete, war das ein Fehler - als sie ihn jedoch verließ, war der Fehler noch größer".

Die Islamisierung des Alltags in Pakistan

Samar Minallah , eine junge Filmemacherin aus einer sehr angesehenen pakistanischen Familie, war mir schon aus den westlichen Medien bekannt: Sie hatte Anfang April ein ihr zugespieltes Handy-Video, dass die öffentliche Auspeitschung eines jungen Mädchens zeigte, den pakistanischen Medien zugänglich gemacht. Die 17-Jährige hatte einen Heiratsantrag eines Taliban abgelehnt. Mit beeindruckender Festigkeit und großem Mut stellt sie sich der barbarischen Gewalt gegen Frauen entgegen. Die grauenhafte Szene wurde auf allen privaten Fernsehsendern Pakistans gezeigt; gleichzeitig die couragierte Filmemacherin als Saboteurin des Friedensabkommens mit den Taliban verurteilt. (Wer es sich zutraut, gebe bei Google “Taliban flog girl, 17, as she begs for mercy in 'honour' punishment” ein.)

Es gibt in Pakistan eine große Gruppe gut ausgebildeter und selbstbewusster Frauen, die sich gesellschaftspolitisch betätigen. Ihre Aufgabengebiete entsprechen denen von Fraueninitiativen in aller Welt: Gewalt in der Familie - Verheiratung von jungen Mädchen unter 16, also von Mädchen im Kindesalter - sexuelle Übergriffe - Ausschluss von Bildung und Beruf.

Dr. Marie Lall , eine deutsch-französisch-britische Professorin, die sowohl in England als auch in Pakistan lehrt, berichtete sehr eindrücklich von einer Medressa für Mädchen, zu der sie nach langem Warten Zutritt erhalten hatte. Etwa 100 junge Frauen seien dort Interne, dazu kämen 250 Externe. Obwohl es üblich ist, dass Frauen ihre Burka ablegen, wenn sie unter sich sind, blieben die jungen Frauen verschleiert, als Dr. Lall sie besuchte. Abgetrennt von den Frauen hätten sich hinter einem Vorhang männliche Medressaschüler befunden. Nur diese hätten mit ihr gesprochen, denn es sei nicht erlaubt, dass die jungen Frauen ihre Stimmen vor den Männern erklingen ließen.

Solche Medressen gebe es inzwischen zu Hunderten – und zwar nicht nur in den westlichen Grenzregionen sondern mitten im Land. Dr. Lall geht davon aus, dass die pakistanische Mittelschicht dieses Phänomen und die sich daraus ergebenden Veränderungen der Gesellschaft systematisch verdrängten. Die innere Islamisierung des Landes sei viel weiter fortgeschritten, als führende Teile der Gesellschaft es wahrhaben wollten.

Diesen Eindruck unterstützte der eindringliche Bericht des Physikprofessors und Atomwaffengegners Dr. Prof. Pervez Amirali Hoodbhoy . Er führte uns über den Campus der Quaid-i-Azam Universität in Islamabad, auf dem es nur noch sehr wenige junge Frauen gibt, die keinen Hijab oder eine Verschleierung tragen. Das sei vor 20 Jahren vollkommen anders gewesen. In absurder Weise träfen sich die Fundamentalisten und die Linken in der Frage der Bewertung der USA: die einen sähen Amerika als Hort des Lasters und des Verstoßes gegen religiös vorgegebene Sitten; die anderen machten für den Zustand des Landes, seine korrumpierten Mittelschichten und die Macht des Militärs, den Einfluss der USA geltend. Um westlich orientierte, säkulare, ohne Verschwörungsgedanken und ohne nationalistisch aufgeheizte Menschen wie Prof. Hoodbhoy scheint es in Pakistan zunehmend einsamer zu werden.

Er zeigte uns Aufnahmen aus dem Curriculum einer Medressa: das Alphabet wird dort anhand von Bildern gelehrt, die zum Dshihad aufrufen. In einem Land, in dem 40 Millionen junge Männer ohne Aussicht auf Beruf und damit Familie heranwachsen, braucht es nicht viel Phantasie um zu erkennen, welch fanatisiertes Potential dort heranwächst.

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