Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Kinderarbeit in der usbekischen Baumwollindustrie

In der ersten April-Hälfte besuchte eine Gruppe Menschenrechtler Bremen und Berlin, um über die Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan zu berichten. Zu der sechs-köpfigen Gruppe von fünf im Exil lebenden usbekischen Menschenrechtlern der Organisationen „Assoziation Menschenrechte in Zentralasien“ (Frankreich), der „Usbekistan Initiative London“ und Bernhard Clasen von der „Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Friedensarbeit“ sollten noch fünf Bauern aus Usbekistan, die über die usbekische Baumwollproduktion sprechen wollten, an der Reise teilnehmen. Doch diese hatten von ihren Behörden keine Ausreiseerlaubnis erhalten.

Thematischer Schwerpunkt war die Zwangsarbeit von Kindern in der usbekischen Baumwollwirtschaft. Deswegen begann die Reise der Gruppe in Bremen, wo gerade zeitgleich die zweijährlich tagende internationale Baumwollkonferenz stattfand.

Diese Konferenz war der Anlass zu einem „Runden Tisch“ gewesen, zu dem die drei Organisationen eingeladen hatten, um auf die Zwangsarbeit von Kindern in dem zentralasiatischen Staat aufmerksam zu machen. Ca. die Hälfte der usbekischen Baumwollerträge wird dort von über zwei Millionen Kindern zwischen 10 und 15 Jahren in Zwangsarbeit geerntet. Die Ernteeinsätze finden jedes Jahr im September und Oktober statt, die Kinder erhalten zwischen 20 und 80 Dollar für ihre zweimonatige Arbeit, müssen sieben Tage die Woche jeweils 12 Stunden arbeiten. Wer pro Tag nicht mindestens 30 kg erntet, wird von seiner Schule gerügt. Es sind auch Fälle bekannt, in denen Kinder, die den Ernteplan nicht erfüllt haben, geschlagen wurden. Kinder, die auf dem Land leben, müssen auch im Frühjahr auf dem Feld arbeiten. In der Folge leidet der Bildungsstand der Kinder insgesamt. Dies ist eine Benachteiligung einer ganzen Generation, deren Bildungsrückstände sich negativ auf die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Wirtschaft auswirken werden.

Und so sprachen Anfang April Vertreter von Baumwollindustrie, Menschenrechtsorganisationen, Europäischer Kommission, der International Crisis Group, Politik und Presse auf Einladung unserer drei Organisationen in Bremen gemeinsam über diese Situation.

Fortgeführt wurde der Dialog in einem weiteren Gespräch der Menschenrechtler mit Vertretern der Bremer Baumwollbörse am 4. April und einen Tag später mit Bremer Aktivisten und der Bremer Bundestagsabgeordneten Marieluise Beck.

Zum Hintergrund:

Dass die usbekische Baumwollindustrie in Deutschland inzwischen ein Begriff ist, liegt weniger an der Zwangsarbeit der Kinder dort, als vielmehr an der verheerenden ökologischen Situation des Aral-Sees, der aufgrund der extensiven Wassernutzung der zentralasiatischen Baumwollindustrie buchstäblich verdurstet.

Obwohl privatisiert, ist die usbekische Baumwollindustrie stark zentralisiert: der Staat bestimmt die Preise, legt fest, wie viel Baumwolle der einzelne Bauer anbauen und abliefern muss, und verfügt auch den Einsatz der Kinder bei der Ernte im Herbst. Wenn die Bauern von den staatlichen Behörden ihr Geld nicht oder verspätet erhalten, müssen sie sich damit abfinden, dass die staatliche Seite gelegentlich die vertraglichen Vereinbarungen nicht einhält. Selbst auf die Konten der Bauern kann der Staat zugreifen. Wenn ein Bauer jedoch einmal den Vertrag nicht einhält, muss er mit empfindlichen Sanktionen des Staates rechnen. Die Kinder arbeiten im September und Oktober täglich zwölf Stunden, auch am Sonntag. Von diesen Ernteeinsätzen sind alle Kinder des Landes zwischen zehn und fünfzehn Jahren betroffen. Ausnahme sind nur die Kinder der Hauptstadt Taschkent und der weiteren drei größten Städte des Landes. Die Arbeitsbedingungen sind sehr hart, die Ernährung ist mangelhaft, wer ernstlich erkrankt, kann nicht mit kurzfristiger medizinischer Hilfe rechnen. Vielerorts stehen den Kindern nur ehemals landwirtschaftlich genutzte Gebäude für die Übernachtung zur Verfügung. Pestizid-Einsatz und Schwermetalle in den Böden wirken sich nachteilig auf die Gesundheit der Kinder aus. Immer wieder kommt es zu Unfällen, meistens beim Transport, wenn die Kinder mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen und Anhängern von einem Ort zu einem anderen gebracht werden. Einige haben so ihr Leben verloren.

Der Handel muss handeln!

Unser Runder Tisch in Bremen, die direkten Kontakte mit der Baumwollindustrie in der Bremer Baumwollbörse, haben uns von der Wichtigkeit des weiteren Einsatzes gegen Kinderarbeit in Usbekistan überzeugt.

Und der Boykott usbekischer Baumwolle durch die britischen Firmen Tesco, Marks and Spencer und durch C&A in Deutschland macht Mut und zeigt, dass in der Wirtschaft eine Bereitschaft zum Handeln da ist und man Produkte, die unter unfairen Bedingungen hergestellt worden sind, nicht kaufen oder verkaufen will.

Zuerst denken, dann tragen!

Bei Baumwollkleidung findet sich häufig die Aufforderung, dass man das Kleidungsstück zuerst waschen, dann tragen solle. Offensichtlich will man Konsumenten vor den schädlichen Wirkungen des Pestizideinsatzes schützen. Doch die Verbraucher sollten auch die zehn- bis fünfzehnjährigen Produzenten schützen, die oftmals unter Einsatz ihrer Gesundheit auf den notwendigen Schulbesuch verzichten, unter menschenunwürdigen Bedingungen bei den Ernteeinsätzen übernachten müssen. Wir Verbraucher sollten in unseren Geschäften kritisch nachfragen, ob bestimmte Produkte Baumwolle aus Usbekistan enthalten, bevor wir uns für das Tragen dieser Produkte entscheiden.

Solange Kinder unter Zwang in der usbekischen Baumwollwirtschaft arbeiten, darf usbekische Baumwolle keine privilegierten Handelsbedingungen haben. Trotz der Ereignisse im usbekischen Andischan im Mai 2005, als Dutzende Demonstranten von Regierungstruppen getötet wurden, hatte die Europäische Union im Juni 2005 der usbekischen Baumwolle einen privilegierten Handelsstatus eingeräumt. Dieser GSP-Status (GSP – Generalized System of Preference) soll eigentlich benachteiligte Länder der Dritten Welt unterstützen. In diesem Fall unterstützte die EU jedoch mit der Gewährung des GSP-Status eine ungerechte Produktionsstruktur.

Internationale Arbeitsgruppe

für Friedensarbeit

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