Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Die Ukraine, Bremen, Bosnien und ein 97jähriger Europäer

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Interessierte,

ich bin in den vergangenen Monaten viel unterwegs gewesen. Der unerklärte Krieg Russlands gegen die Ukraine hat in unserem kleinen Büro einen politischen Tsunami ausgelöst. In der vergangenen Woche reiste ich in den Osten der Ukraine und besuchte Charkiw und die Regionen Lugansk und Donezk. Bei dieser nicht ganz unheiklen Reise begleiteten mich Aktivisten des Zivilgesellschaftsforums aus Charkiw und das Kiewer Büro der Böll Stiftung. Ihnen gilt mein herzlicher Dank.

Im Charkiwer Forum treffen sich viele engagierte Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Sie sind irritiert über ein Europa, das nach ihrem Empfinden die Aggression Putins herunterspielt. Die Menschen haben das Gefühl, dass sie in Stellvertretung für Europa eine Auseinandersetzung mit Russland führen und fühlen sich dabei sehr alleine gelassen.

Aktivisten aus dieser Runde haben informelle Kanäle in die besetzten Gebiete. Häufig sind es Verwandte, mit denen noch telefoniert werden kann. Die Herrschaft der Separatisten sei gewalttätig. Flüchtlinge berichten von Willkür, so zum Beispiel von einem Todesurteil für einen Bauern, der die ukrainische Armee mit Brot versorgt hatte. Es gibt Fotos von massiven Zerstörungen, deren Verursacher gemäß den Gesetzen der Ballistik nur die Separatisten hatten sein können. 

Der selbsternannte 'Premierminister' von Donezk heißt Alexander Sachartschenko und ist in Charkiw wohl bekannt. Er war Vorsitzender des Sportvereins 'Oplot' in Charkiw - einer Schlägertruppe des alten Bürgermeisters.

Eine Kellnerin in Charkow berichtete mir von Erfahrungen ihrer Familie aus Ilowajsk: Die Zivilbevölkerung habe durch den errichteten Korridor den Ort verlassen wollen und geriet unter vollen Beschuss der Separatisten. Ihre Großmutter und Mutter seien in dem Konvoi gewesen. Heute wisse niemand, wer in der Stadt die Macht habe. Die Stadt sei sehr zerstört.

Mir wurde erklärt, in Lugansk seien die ukrainische Kirche und die Moschee geschlossen worden. Der ukrainisch-orthodoxe Priester habe fliehen müssen. Die Schule habe wieder begonnen. Unterrichtet werde mit russischen Schulbüchern. Vertreter der Separatisten, die nicht aus Lugansk und nicht aus der Ukraine stammten, gingen von Haus zu Haus, verteilten Lebensmittelpakete und 1.000 russische Rubel für jeden Erwachsenen sowie 500 für jedes Kind. Es würden russische Pässe ausgegeben.

Ewgenij Sacharow von der Menschenrechtsgruppe Memorial in Charkiw sieht eine Veränderung der ukrainischen Gesellschaft: Mit dem künstlich erzeugten Konflikt von außen steige der Patriotismus, ein Nato-Beitritt werde immer populärer, gleichzeitig nehme allerdings auch der Hass zu. Es gebe nicht nur dramatische Menschenrechtsverletzungen auf Seiten der Separatisten, sondern inzwischen durchaus auch bei einigen Freiwilligen. Es sei damit zu rechnen, dass es Präsident Poroschenko im Herbst bei den Wahlen sehr schwer haben werde. Die Gesellschaft radikalisiere sich, Julia Timoschenko arbeite an einem radikalen Block.

In Russland würde dieser Krieg im Donbass immer weniger populär: nur 6 Prozent der russischen Bevölkerung unterstütze ihn, während es noch 90 Prozent waren, die hinter der Übernahme der Krim standen. Die Ukraine sei groß genug, um zu kämpfen und es gebe viele Menschen, denen die Freiheit wichtiger sei als das eigene Leben.

Inzwischen deuteten Indizien darauf hin, dass die Pläne zur Invasion der Ukraine bereits aus dem Jahre 2013 stammten. Russland habe allerdings auf das Jahr 2015 orientiert, denn es sei mit dem Machtverlust von Janukowitsch bei den Wahlen gerechnet worden. Die Pläne hätten fünf Oblasten umfasst, darunter auch Odessa. Für die Invasion habe es gemeinsame Übungen ukrainischer und russischer Kosaken in Rostow am Don gegeben. Der Euromaidan und die Flucht von Janukowitsch seien allerdings unerwartet gekommen.

Zusammenfassend stelle ich fest:

1. Unbestreitbar unterliegt die Ukraine einer Aggression, die von außen geschürt wird. Es handelt sich nicht um einen Bürgerkrieg.

2. Die Region Lugansk und Donezk stehen vermutlich vor einem faktischen Anschluss an Russland. Putin wird klug genug sein, anders als bei der Krim keine Annexion vorzunehmen. 

3. Nach den Erfahrungen der zwischen Sarkozy und Putin getroffenen Vereinbarungen zu Südossetien und Abchasien, die nie umgesetzt werden konnten, sind Zweifel angebracht, ob die Minsker Vereinbarungen Realität werden. Es droht der Anschluss des Donbass an Russland.

4. Die Enttäuschung und Verbitterung in der Ukraine sind groß, die Haltung zu dem Minsker Abkommen ist sehr gespalten. Wenn Präsident Poroschenko nicht zumindest mit einer entschiedenen Haltung des Westens durch deutlichen Druck auf Putin unterstützt wird, droht er am 26. Oktober in den Parlamentswahlen zu unterliegen. 

 

Was in der Ukraine geschieht, hat auch Auswirkungen auf Bürgerinnen und Bürger in Bremen.

Wie zu Zeiten des Krieges in Bosnien gibt es nun deutsch-ukrainische Familien, die ihre Verwandten bei sich aufgenommen haben und um Hilfe bitten, damit sie nicht ins Kriegsgebiet im Osten der Ukraine zurückgeschickt werden. Die Touristenvisa laufen aus und dann schlägt ein unbarmherziges Rückführungsrecht zu. In Bremen alarmierte uns eine eingebürgerte Ukrainerin, deren betagte Mutter in die Ostukraine zurückreisen soll. Wir bemühen uns derzeit bei der Bundesregierung um eine großzügige Schutzregelung für solche dramatischen Fälle.

Familien aus dem Raum Bremen-Oldenburg haben im Sommer dafür gesorgt, dass Kindern aus Kiewer Flüchtlingslagern eine Atempause in Deutschland verschafft werden konnte. Angestoßen hat dieses Projekt William Dubas, Kameramann beim NDR und Radio Bremen. Er ist selbst ukrainischer Herkunft.

Es war ein großer Kraftakt, 25 Kindern aus dem Kriegsgebiet sehr kurzfristig einen Aufenthalt an einem Brandenburger See zu ermöglichen. Wir waren sehr froh, als nach kluger Beratung durch erfahrene Tschernobylgruppen und unsere fast freundschaftlichen Kontakte zur deutschen Botschaft in Kiew es dann hieß: grünes Licht für die Reise der Kinder!

Einen schönen Beitrag von ZDF finden Sie hier. Um einer zweiten Gruppe von Kriegskindern in den Weihnachtsferien einen ähnlichen Aufenthalt ermöglichen zu können, suchen die Initiatoren noch weitere Sponsoren. Wer helfen möchte, findet zusätzliche Informationen auf www.zentralverband-ukrainer.com und kann eine Spende richten an:

Zentralverband der Ukrainer in Deutschland e.V.

Bank: Postbank Berlin

IBAN: DE09100100100777623103

SWIFT/BIC: PBNKDEFFXXX

Verwendungszweck: Donbas Kriegskinder

Und noch ein drittes Projekt zeigt, dass Bremer Bürgerinnen und Bürger lokal denken und global handeln: Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichisch-ungarische Thronfolger erschossen und dieser Mord wurde zum Fanal für den Beginn des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren.

Vor 17 Jahren - im Jahr 1997 - fuhr der Bremer Domchor in das kriegszerstörte Bosnien und führte mit dem philharmonischen Orchester von Sarajevo das Mozart Requiem in drei bosnischen Städten auf.

Im Jahr 2014 wurde Sarajevo zum Gedenkort für den Beginn des 1. Weltkrieges. Der aus dem Domchor hervorgegangene RathsChor wird sich wieder auf den Weg nach Bosnien machen. Wieder wird mit der Philharmonie von Sarajevo zusammen musiziert werden. Dieses Mal wird es das Brahms-Requiem sein, das in Mostar und Sarajevo zur Aufführung kommen wird.

Ich danke dem Chor, dass mit großem ehrenamtlichem Engagement aus dem Chor selbst und mit Hilfe des Auswärtigen Amtes diese Verbindung zu Bosnien, die nie ganz abgerissen ist, wieder aufgenommen werden kann.

Der 'Bremer Platz' in Lukavac erinnert nach wie vor an die Zeit der großartigen Unterstützung in der schweren Phase des Krieges. Im Frühjahr besuchte ich die von der Flut schwer getroffenen Orte – und konnte wieder ein wenig Hilfe mitbringen.

Sarajevo ist ein würdiger Ort für dieses Requiem. Diese Stadt mit einer multikulturellen und multireligiösen Geschichte, die so großes Leid erfahren hat, ist Symbol für ein Europa, das seine Teilung und seine Konflikte noch immer nicht überwunden hat.

Mit besten Wünschen aus Bremen und Berlin

Marieluise Beck

 

P.S. Und vergessen Sie nicht unsere Filmvorführung Der Übersetzer und das Gespräch mit Juri Elperin:

Donnerstag | 18. September 2014 | 19 Uhr
Kino City46 | Birkenstraße 1 | Bremen

Juri Elperin hat 100 der besten Werke russischer Literatur ins Deutsche übertragen. Seine Übersetzungen wurden von Generationen im deutschsprachigen Raum gelesen. Elperin wurde 1917 als Kind russisch-jüdischer Eltern im Schweizer Davos geboren. Er wuchs im Berlin der Weimarer Republik auf, floh vor dem Naziregime zuerst nach Frankreich und danach in die Sowjetunion. Als Rotarmist kämpfte Elperin gegen den Faschismus und wurde später zum wichtigsten Übersetzer russischer Literatur ins Deutsche. Vor kurzem kehrte er wieder zurück in seine Heimat Berlin. Sein Leben ist beispielhaft für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der Film zeichnet in eindrucksvoller Weise diesen bewegten Lebensweg nach. Im Anschluss spricht der heute 97Jährige über die Stationen seines Lebens und seine Leidenschaft für das Übersetzen. Seien Sie herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei. 

 

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