Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Bericht von einer Reise in die Ost-Ukraine

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Zerstörte Klinik Switlodarsk
Zerstörte Klinik Switlodarsk

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Zerstörte Klinik Switlodarsk
Zerstörte Klinik Switlodarsk

Die Ukraine ist das zweitgrößte Flächenland Europas. Wer sich in den Osten an die russische Grenze begibt, sieht eine andere Ukraine als das schicke Kiew. Die besetzten Gebiete sind derzeit nicht zugänglich. Was sich "drinnen" abspielt, dringt nur über Anrufe von Verwandten oder Erzählungen der wenigen Grenzgänger nach außen.

Die besetzten Regionen um Donezk und Luhansk sind ein nahezu rechtsfreier Raum. Kriminelle und Warlords terrorisieren die Bevölkerung. Unser Fahrer hatte als Bankangestellter die Übernahme seiner Bank durch die neuen Machthaber erlebt, die unter Einsatz von Waffengewalt den Tresor stürmten. Verwaltungsstrukturen gibt es nur rudimentär, rechtsstaatliche Strukturen fehlen. Der russische Rubel gilt als Währung. Ähnlich wie in Russland ist die antiukrainische Propaganda allgegenwärtig. Familien bleiben getrennt, weil die im Donbass Zurückgeblieben oft mutmaßen, im Kiewer Teil der Ukraine herrschten die Faschisten. Und so sagen uns fast alle, die wir treffen: die Waffen müssen endlich schweigen, wir wollen Versöhnung, wir wollen endlich Frieden.

Industriebrachen Donbass
Industriebrachen allenthalben

Ein großes Hindernis für die Begegnung der Menschen diesseits und jenseits der in Minsk verhandelten "Kontaktlinie" ist der beschwerliche Weg über diese Grenze. Ihm geht voraus ein langwieriger Papierkrieg. Der Bus durch 23km Niemandsland hindurch braucht acht bis zehn Stunden und ist teuer, Schmiergelder inbegriffen. Die Passage mit dem Automobil dauert bis zu 30 Stunden. Für Rentner, die ihre Rente von etwa 40 Euro nur jenseits der Kontaktlinie abholen können, ist das eine kaum zu überwindende Hürde.

Wer aus Deutschland kommt und die menschliche Härte der Teilung erinnert, könnte angesichts dieser von beiden Seiten betriebenen Spaltung verzweifeln. Jenseits aller großen politischen Fragen muss vor allem jede Form von Begegnung der Menschen, also Mobilität herbeigeführt werden.

Begleitet von ukrainischen Sicherheitskräften passieren wir die Checkpoints bis nahe an die beschriebene Grenze. In Switlodarsk zeigt uns ein sichtlich erschöpfter Klinikdirektor sein erst kürzlich durch eine Grad Rakete zerstörtes Krankenhaus. In diesem kalten, unwirtlichen Gebäude wurden während der dramatischen Kämpfe um Debalzewo hunderte Verletzte in dieses Klinikum gebracht. Ein Blick in die OP-Räume lässt uns schaudern - hier möchte man nicht einmal einen winzigen Eingriff vornehmen lassen. In den Krankensälen gibt es nicht einmal Bettwäsche. Die Ärzte sprechen nicht darüber, welches Leid sie im vergangenen Jahr gesehen haben.

OP-Saal
OP-Saal im Krankenhaus Switlodarsk

Seit nunmehr einem Jahr haben alle Klinikmitarbeiter kein Gehalt gesehen. Wie sie überleben, ist ein Rätsel. Cap Anamur hat sich der Klinik angenommen und sorgt für ein Minimum an Unterstützung. Während wir uns verabschieden, um noch vor der Dunkelheit die Checkpoints zu passieren, hören wir Schüsse von der "anderen" Seite. Ein Anruf bei unserem Begleiter setzt uns davon in Kenntnis, dass nahe Luhansk neue russische Truppen in Zelten stationiert worden sind. Ist das ein Vorzeichen für eine neue Offensive? Nicht einmal die OSZE kann das beantworten.

Wo sind Präsident und Ministerpräsident, wo die Abgeordneten, die die politische Fürsorge übernehmen, die diese Menschen in den Randgebieten verdient haben. Es wäre ein Drama, wenn dieses geschundene Land nicht nur von außen bedrängt, sondern von innen achtlos regiert würde. Die Regierung Poroschenko droht, die Menschen im Donbass zu verlieren. Nach wie vor gehen die Reformen in der Ukraine langsam voran. Die Menschen erleben vor Ort selber im Kleinen die Alltagskorruption etwa an den Checkpoints. Aber auch aus Kiew gibt es überaus ungemütliche Nachrichten über Korruption bis in höchste Ministerkreise. Die Regierung darf die Hoffnungen des Majdan nicht verspielen.

Wir verabschieden uns aus Switlodarsk mit dem festen Vorsatz, "denen in Kiew" heftig auf die Zehen zu treten, damit diese Region nicht zum schwarzen Loch wird.

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