Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

SZ: Andrej Sannikow Weißrussischer Oppositioneller im Zangengriff der Staatsmacht

Wenn die Wahl vorüber ist, kleben Parteien manchmal eine frische Botschaft auf die alten Plakate, etwa: "Danke für Ihr Vertrauen.“ In Weißrussland hat jemand einen Zettel auf ein Plakat von Andrej Sannikow gepappt, auf dem steht: "Geben Sie dem Kind die Eltern zurück!!!“ Jeder in Weißrussland weiß, wie dieser Hilferuf gemeint ist. Denn seit dem Wahltag am 19. Dezember hat Sannikow, der damalige Präsidentschaftskandidat, seinen kleinen Sohn Daniil nicht mehr gesehen.

In einem Schneeanzug stand der drei Jahre alte Knirps im Wahllokal und schaute zu, wie der Vater den Umschlag in die Urne warf. An der einen Hand der Papa, an der anderen seine Mutter Irina Chalip, eine regierungskritische Reporterin. Nun sind Eltern und Kind voneinander getrennt. Sannikow und Chalip wurden verhaftet. Die Behörden werfen dem Oppositionspolitiker "die Organisation einer massiven Störung der öffentlichen Ordnung“ vor. Er hatte wie einige andere Bewerber zu einem Großprotest in Minsk aufgerufen. Nun muss Sannikow mit 15 Jahren Haft rechnen – und seinem Sohn droht eine traurige Zukunft.

Derzeit lebt Daniil bei der Großmutter, aber diese befürchtet nun, die Behörden könnten die Vormundschaft für das Kind anstreben. Weißrussischen und russischen Medien erzählte sie, dass Vertreter des Staates sich nach dem Jungen erkundigt hätten. Die Großmutter fasste es wie eine Drohung auf.

Schon ein paar Tage vor der Wahl wirkte der 56-jährige Sannikow bei einem SZ-Interview bedrückt. Er saß in seinem kargen Büro vor einer Flagge seiner Kampagne "Europäisches Weißrussland“, die den goldenen Sternenkranz der EU benutzt, und erzählte von Drohungen: "Ich selber gehe schon gar nicht mehr ans Telefon“, sagte er. Anders als manche im Westen hat er nicht daran geglaubt, Weißrussland könne sich unter Alexander Lukaschenko jemals demokratisieren. Die Europäische Union ermahnte er, dem weißrussischen Herrscher keine Avancen zu machen und die Wahl nicht anzuerkennen. Und nun ist Sannikow seinem Ziel ferner denn je: Als Präsident das Land selber in die Demokratie, nach Europa zu steuern.

Er kennt den Westen, war fünf Jahre bei den Vereinten Nationen in New York, arbeitete in der Schweiz, wurde sogar stellvertretender Außenminister. Sannikow spricht fließend Englisch und Französisch, studierte in Minsk Fremdsprachen. Aber im Interview fühlt er sich doch wohler, wenn er russisch redet. Er ist ein bescheidener, ruhiger Politiker, dem die Aura eines aufpeitschenden Volkstribuns fehlt. Aber er kann auch sehr entschlossen sein. 1996 trat Sannikow aus der Regierung zurück, im Protest gegen Lukaschenkos Machtfülle. Doch jetzt hat er nichts mehr, mit dem er drohen, zu dem er aufrufen, von dem er abtreten könnte. Sannikow muss auf seinen Prozess warten.

Vielleicht tröstet es ihn, dass sich Michail Gorbatschow für seine Frau Irina einsetzt, die für Gorbatschows Zeitung Nowaja Gaseta arbeitet. Lukaschenko solle "den menschlichen Faktor“ berücksichtigen, sagte der frühere Kremlchef mahnend. Er meinte gewiss auch den kleinen Daniil. Frank Nienhuysen

Erschienen am 11. Januar 2011 in der Süddeutschen Zeitung, Seite 4

(c) 2011 Süddeutsche Zeitung

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