Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Weser Kurier - Gastkommentar von Prof. Dr. Wolfgang Eichwede: Wie sich die Zeiten ändern

Wie sich die Zeiten ändern

Vor knapp zwei Wochen schrieb die Moskauer Menschenrechtsorganisation „Memorial“ an die Partei der Grünen, insbesondere aber an die Bremer Grünen, dass ihr in Deutschland eine Stimme fehle, wenn Marieluise Beck aus der Politik ausscheide. Die Bundestagsabgeordnete habe sich – so der Tenor – mit Umsicht und Konsequenz für die Bürgerrechte eingesetzt. Mit ihrem Abgang verliere das zivilgesellschaftliche Russland eine wichtige Adresse in Europa, heißt es weiter.

Ohne Zweifel kommt dieser Brief einem Alarmruf gleich. „Memorial“ ist ein behutsamer Akteur und hält sich in der Regel mit politischen Äußerungen zumal dann, wenn sie als Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder gewertet werden können, äußerst zurück. Meldet sich die Moskauer Organisation dennoch zu Wort, geschieht dies aus höchster Wertschätzung der Person, um die es geht.

Tatsächlich sind die Politiker in Deutschland rar gesät, die sich mit vergleichbarer Energie wie Frau Beck für Verfolgte und Menschenrechtsgruppen in aller Welt einsetzen. Gleichzeitig wird „Memorial“ von der Sorge umgetrieben, in dem heute national aufgeladenen und autoritär geführten Russland eine couragierte und kompetente Fürsprecherin im deutschen Parlament zu verlieren. Von seiner Gründung an hat „Memorial“ zu Bremen die engsten Verbindungen. Was in der Hansestadt vor sich geht, wird in Moskau registriert.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in Kiew auf dem Maidan, jenem Ort, an dem vor knapp drei Jahren hunderttausende von Menschen über Monate hin ein Stück europäische Revolutionsgeschichte schrieben und ihr altes, verkommenes, korruptes Regime abschüttelten. Der Platz, noch heute ein Treffpunkt des jungen Kiews, wurde zum Ausgangspunkt zivilgesellschaftlicher Initiativen über das ganze Land. Marieluise Beck war immer wieder da, machte den Demonstranten und Begründern einer neuen Ukraine Mut und versuchte gemeinsam mit Gleichgesinnten, die Botschaft des Maidan zu uns und in die europäische Politik zu transportieren.

Wer solche Aktivitäten unter den Verdacht der „Selbstgefälligkeit“ oder „Ferne von Bremen“ stellt, hat einfach vergessen, was internationale Solidarität heißt. Einst gab es Bremer Unterstützungskomitées für Nelson Mandela oder für Nicaragua. Der polnischen Solidarnosc wurde in Zeiten des Kriegsrechts konkret geholfen.

Bremen stand für Weltoffenheit. Droht heute ein Engagement für bedrohte oder bedrängte Länder in der Welt zu einem Fremdkörper unter Bremens Grünen zu werden?

Unser Gastautor ist ausgewiesener Russlandexperte und ehemaliger Professor für Politik und Zeitgeschichte Osteuropas an der Bremer Universität. Von 1982 bis 2008 war er dort als Direktor der Forschungsstelle Osteuropa tätig.

Online nachzulesen in der heutigen Ausgabe des Weser Kurier oder hier.

 

Thema: