Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Weiße Flecken in der deutschen Erinnerungskultur - 75 Jahre Babyn Jar

Aufruf

„Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September bis 8 Uhr Ecke der … einzufinden. Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen… Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschoss

Aufruf

„Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September bis 8 Uhr Ecke der … einzufinden. Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen… Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschoss

 

„Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.

Streng, so sieht dich der Baum an, mit Richter-Augen. Das Schweigen rings schreit.

Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle, ich werde grau.

Und bin - bin selbst ein einziger Schrei ohne Stimme über tausend und aber tausend Begrabene hin."

 Jewgenij Jewtuschenko, übersetzt von Paul Celan.

 

 

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Interessierte,

ich schreibe Ihnen und Euch heute aus Anlass einer grauenvollen Erinnerung, die uns in Deutschland kaum bekannt ist: Die Ermordung von 33.761 Juden innerhalb von nur 36 Stunden am 29. und 30. September 1941 in Babyn Jar, vor den Toren der Stadt Kiew. Auch hunderte Polizisten des Bremer Polizei-Bataillons 303 waren daran beteiligt. Kinder wurden auf die Leichenberge geworfen und lebendig begraben, um Munition zu sparen. Insgesamt wurden in Babyn Jar mehr als 100.000 Menschen erschossen. Neben 50.000 Juden waren auch sowjetische Kriegsgefangene, Kommunisten und Verfechter der ukrainischen Unabhängigkeit unter den Opfern.

Morgen - dem 75. Jahrestag des Massakers - wird erstmalig ein deutsches Staatsoberhaupt am Jahrestag teilnehmen. Auf Einladung des Bundespräsidenten und des Ukrainian Jewish Encounters – die ich als große Ehre empfinde - werde ich Joachim Gauck nach Kiew begleiten, als Zeichen deutsch-ukrainisch-jüdischer Versöhnung.

Bundespräsident Gauck betont mit seiner Teilnahme das Bekenntnis Deutschlands zu seiner historischen Verantwortung gegenüber der Ukraine. Dazu gehört die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen in der Ukraine und an den Menschen dort. Unsere Verantwortung gilt auch der Unterstützung der heutigen unabhängigen Ukraine und ihrer Gesellschaft bei ihren Bemühungen um Demokratie, Rechtsstaat und wirtschaftliche Entwicklung. Die positiven Zeichen in der politischen Entwicklung in der Ukraine werden getragen von einer erstarkenden und vielfältigen Zivilgesellschaft, deren Mut und Engagement Vorbild für ganz Europa sein können. Der ökonomischen, politischen und militärischen Destabilisierung der Ukraine mit dem Ziel, diesen Prozess zu bremsen oder gar zu verhindern, muss deshalb entschieden entgegengetreten werden.

Damit stellen wir uns an die Seite derer, die für Demokratie und Freiheit kämpfen. So wie wir heute eine Verantwortung gegenüber Russland tragen, gilt unsere Verantwortung auch gegenüber der Ukraine und Belarus, auf deren Territorium unendlich viel Blut vergossen wurde. Deutschland kommt in der Unterstützung der jungen ukrainischen Demokratiebewegung nicht zuletzt aufgrund seiner historischen Verantwortung eine Schlüsselrolle zu. Daher ist es wichtig, die komplexe Geschichte des Landes, das über weite Strecken des letzten Jahrhunderts Spielball zweier totalitärer Systeme war, zu kennen: Die Ukraine war neben Polen, dem Baltikum und Moldova auch Opfer des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert. Die Sowjetunion besetzte parallel zur Wehrmacht u.a. Teile Polens, darunter Westgalizien, den westlichsten Teil der heutigen Ukraine.

Der verbrecherische Krieg des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion unterschied sich vom Krieg gegen die westeuropäischen Länder und die westlichen Alliierten in seinen Zielen und seiner äußersten Brutalität. Er wurde nicht nur gegen die Soldaten der Roten Armee, sondern auch explizit gegen die Bevölkerung der besetzten Gebiete geführt. Polen, die Sowjetunion und mit ihr die Ukraine sollten als Staaten vernichtet, ihre Gesellschaften ausgelöscht, ihre Bevölkerungen - „slawische Untermenschen“ - versklavt oder ermordet werden.

Dazu gehörte auch die systematische Vernichtung des Judentums als fester Bestandteil der Kriegsplanungen.  Der Völkermord an den sowjetischen Juden begann mit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Noch im selben Monat begannen Einsatzgruppen der SS jüdische Männer zu erschießen. Ab Juli wurden auch Frauen und Kinder erschossen und ab August ganze jüdische Gemeinden ausgelöscht. Schon bis zur „Wannseekonferenz“ im Januar 1942 waren fast eine Million polnische und sowjetische Juden ermordet, was der Zahl der später in Auschwitz getöteten Juden nahekommt. Als Ende 1942 das systematische Morden am westeuropäischen Judentum begann, war der Holocaust bereits zu einem beträchtlichen Maß vollzogen. Etwa zwei Drittel der Juden, die während des Krieges umgebracht wurden, waren Ende 1942 bereits tot. Mit mehr als 4 Millionen stammte der größte Teil der bis Kriegsende ermordeten Juden aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion und Polen, darunter mehr als eine Million aus der Ukraine.

Ein großer Teil der Massenerschießungen fand während der Besatzungszeit von 1941-1944 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine statt. So wurden kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die ukrainische Sowjetrepublik Ende August 1941 etwa 23.600 Juden nahe dem westukrainischen Kamenez-Podolsk ermordet. Das bis dahin größte Massaker markierte einen historischen Wendepunkt weg von der selektiven Mordpolitik hin zur systematischen und vollständigen Ermordung des osteuropäischen Judentums. Wenige Tage später kam es nach der Eroberung Kiews vor den Toren der Stadt zu dem unfassbaren Massaker in der Schlucht von Babyn Jar.

Die Ukraine spielte als „Kornkammer“ eine zentrale Rolle in den Expansionsplänen der Nationalsozialisten und war daher besonders von rücksichtsloser Ausplünderung und Ausbeutung betroffen. In der deutschen Strategie für den Vernichtungskrieg war der millionenfache Hungertod der slawischen Bevölkerung fest einkalkuliert, um hohe Lebensmittellieferungen herauspressen zu können und einen neuen „Lebensraum“ für die deutsche Bevölkerung zu schaffen. Die Ukraine war gemäß des „Generalplans Ost“ für eine deutsche Neubesiedelung vorgesehen. Die ukrainische Bevölkerung wurde gezielt ausgehungert, vertrieben und ermordet. Das erklärt, weshalb unter den 6,8 Millionen ukrainischen Kriegsopfern der Anteil der zivilen Bevölkerung mit 5,2 Millionen besonders hoch war.

Die ukrainische Sowjetrepublik war vollständig von den Deutschen besetzt. Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, verpflichtete 1941 mit einer Verordnung alle Bewohner der besetzten Ostgebiete dazu, Arbeiten für die Besatzer zu verrichten. Von den 2,8 Millionen sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern – die Mehrheit waren Frauen –, die nach Deutschland verschleppt wurden, stammten mehr als die Hälfte aus der Ukraine. Ganze Jahrgänge und Siedlungen wurden bei den Massendeportationen ins Deutsche Reich verschleppt, ihre Höfe und Dörfer häufig gewaltsam niedergebrannt.

Im Gegensatz zu den westlichen Zwangsarbeitern, die unter Justizaufsicht standen, waren die sog. „Ostarbeiter“ dem wesentlich härteren Straf- und Terrorsystem der Gestapo ausgeliefert. Unter ihrer Aufsicht musste unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit geleistet werden. Bei der Rückkehr in die Sowjetunion kamen viele der nach Deutschland deportierten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter als angebliche „Kollaborateure“ in den Gulag. Ihr Schicksal war in der Sowjetunion tabuisiert, sie wurden stigmatisiert und jahrzehntelang nicht als Opfer anerkannt. Bis 2007 hat Deutschland 856.402 sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter entschädigt, davon 465.672 aus der Ukraine. Tod und Vernichtung in den Lagern, die durchaus mit Konzentrationslagern vergleichbar waren, wurden vom NS-Regime billigend in Kauf genommen. Von den mehr als 5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen – der Anteil der Ukrainer kann nicht beziffert werden – kamen etwa 3,3 Millionen während ihrer Gefangenschaft um.

Manche von ihnen beim Bau des Bunker Valentin in Bremen-Nord.

Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass Präsident Poroshenko den 29. September hervorhebt und dass Joachim Gauck nach Babyn Jar fährt. Und ich fühle mich sehr geehrt, ihn zu begleiten.

Ihre und Eure Marieluise Beck

Thema: