Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Einwanderungsland Deutschland - Ein Ringen um Vielfalt und Grundrechte

Nachgefragt bei ... Gülcan Yoksulabakan-Üstüay und Libuse Cerna:

Nach den Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten hat sich das Klima in Deutschland geändert. Die Angriffe auf Flüchtlinge werden schärfer, Frauen fühlen sich verunsichert und Populisten haben ihre große Stunde. Plötzlich outen sich selbst rechte Politiker als Verfechter der Emanzipation.

Dennoch steht die Frage im Raum, welche Wertvorstellungen, welche Frauenbilder mit den Einwanderern mitwandern. Die Frage ist nicht neu: wir hatten sie schon bei der Debatte um das Kopftuch, die auch Migrantinnen spaltete. Wer über Frauenbilder redet, muss auch über Männerbilder reden.

Wir fragen Gülcan Yoksulabakan-Üstüay. Sie ist Diversity-Expertin und erfahrene Moderatorin in der interkulturellen Arbeit. Seit 15 Jahren ist sie Trainerin, Beraterin und Ausbilderin für Ministerien, medizinische Dienste, Einbürgerungsbehörden, Polizei und Schulen. Sie engagiert sich für die Etablierung einer Willkommenskultur sowie religiöse und weltanschauliche Diversität.

Wir fragen auch Libuse Cerna. Sie ist Vorsitzende des Bremer Rates für Integration und arbeitet seit Jahrzehnten als Journalistin. Ihr Herz schlägt für die internationale Kulturverständigung. Erst vor wenigen Wochen wurde sie als Diversity-Persönlichkeit der Stadt Bremen ausgezeichnet.

Laut Libuse Cerna sei es in der aktuellen Situation wichtig, über die Geschehnisse in Köln zu reden, Klarheit zu schaffen. Man wisse noch immer nicht genau, was und in welchem Maße geschehen sei. Auch an dem Fall Lisa sei zu erkennen: Einmal verbreitete Gerüchte seien schwer zu widerlegen. Was jedoch klar sein müsse: Weder Nationalität noch Religion hätten eine übergeordnete Rolle gespielt. Die Rechtsstaatlichkeit habe versagt. Die Polizei habe in der besagten Nacht nicht signifikant mehr Anzeigen aufgenommen als in vergangenen Silvesternächten. Das Ausmaß der Straftaten sei somit deutlich zu spät erkannt worden.

An dieser Stelle kam es zur Frage: Bringen mehr „fremde“ Kulturen und Migration nun automatisch mehr Polizeiaufwand und weniger Sicherheit mit sich?

Laut Gülcan Yoksulabakan-Üstüay sei es zwar wichtig, ein ausreichendes Polizeiaufgebot zu stellen. Wie jedoch auch Cerna anmerkte, müsse an dieser Stelle das Augenmerk darauf liegen, dass Flüchtlinge keine homogene und kriminelle „Masse“ sei. Die Rechtsstaatlichkeit müsse mit allen Mitteln gewahrt werden. Die Maßnahmen dürften sich jedoch nicht einseitig gegen Flüchtlinge richten, sondern gegen Kriminelle. Was nach Köln deutlich wichtiger geworden sei, sei die Konzentration auf die aufkeimenden fremdenfeindlichen Debatten. Spätestens seit der Silvesternacht habe es bisweilen sogar ein relatives Verständnis für offen rassistische Äußerungen gegeben.

„Ihr und Wir stört das Verhältnis,“ meint Yoksulabakan-Üstüay. Wenn Max sich mit 14 Jahren schlecht über seine Lehrerin äußere, werde das mit pubertärem Verhalten begründet. Würde Ali sich genau so verhalten, erjkläre man das mit Religion und Erziehung.

In der Kernfrage waren sich Yoksulabakan-Üstüay und Cerna somit einig: Flüchtlinge und Einwanderer - Männer wie Frauen - müssten gegen patriarchale Strukturen gestärkt und aufgeklärt werden. Zusätzlich müsse die deutsche Bevölkerung für Differenzierung sensibilisiert werden. Auch latent rassistische Äußerungen gegenüber Flüchtlingen und Migranten dürften nicht hingenommen werden. Nur mit der Arbeit auf beiden Seiten könne eine bleibende Stabilität gewährleistet werden.

 

Laurenz Berger

 

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