Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Die Zeit: Michail Chodorkowski - Gnade vor Recht

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M. Beck mit M. B. Chodorkowski am 21.12.2013 im Berliner Adlon
Mit Chodorkowski am 21.12.2013 im Berliner Adlon

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M. Beck mit M. B. Chodorkowski am 21.12.2013 im Berliner Adlon
Mit Chodorkowski am 21.12.2013 im Berliner Adlon

Nach zehn Jahren kommt der Russe Michail Chodorkowski frei. Wie hat ihn die Zeit in Haft geprägt? Eine Begegnung von Marieluise Beck

Berlin, Hotel Adlon. Ich treffe auf Michail Borissowitsch Chodorkowski, den Mann, der mich seit acht Jahren politisch beschäftigt. Mein letzter Versuch, ihn zu treffen, liegt mehr als ein Jahr zurück. Seine Eltern hatten ihr Besuchsrecht auf mich übertragen. Nach monatelangem Hin und Her mit der Lagerleitung machte ich mich einfach auf den Weg, hoch ins ferne Segescha an der finnischen Grenze. Ich kam nur zu den Toren des Lagers. Als ich auf das gesetzlich verbriefte Besuchsrecht pochte, erklärte mir der Lagerleiter, er habe nun das Recht, über dieses Ansinnen zwei Wochen lang nachzudenken. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzureisen.

Nun stehe ich in seinem Hotelzimmer und spüre keine Fremdheit, obwohl ich noch nie auch nur ein Wort mit ihm gesprochen habe.

Häufig habe ich ihn im Gericht in Moskau gesehen, als Chodorkowski und sein Kollege Platon Lebedew in Handschellen hereingeführt wurden. Ich saß auf dem Bänkchen neben Chodorkowskis traurigem altem Vater und seiner energischen Mutter Marina Filipowna, um mich herum Getreue aus dem Management von Chodorkowskis früherem Konzern Yukos, sofern sie noch frei waren. Dazu Richter Viktor Danilkin – immerzu aus dem Fenster starrend. Es war nicht dieser kleine Amtsrichter, der etwas zu entscheiden hatte. Das Verfahren war eine Provokation, man hätte schreien mögen: Hört auf mit der Farce!

Doch einer ließ sich nicht provozieren: Michail Chodorkowski. Fast mitleidig intervenierte er hier und da im Verfahren. Am Ende wünschte er dem Richter Mut und wusste doch, dass der keine Macht hatte.

Wie Milliardäre sahen die beiden Männer nicht aus. Platon Lebedew in Trainingshose, Chodorkowski in Lederjacke und T-Shirt. Saßen da zwei Gauner, die den Goldrausch der 1990er Jahre skrupellos ausgenutzt hatten, um ein Imperium aufzubauen? Deren Reichtum immer märchenhaftere Formen annahm, Privatjet und Zugang zum innersten Kreis der Macht inklusive? Hatten diese Männer den Staat um Steuern geprellt und, wie im zweiten Prozess behauptet, die eigene Firma um Öl betrogen? Außerdem: Gab es nicht bedürftigere Menschen in Russlands Lagern als gerade jene beiden, die sich gute Anwälte leisten konnten?

Es war Juri Markowitsch Schmidt, ein unbeugsamer Menschenrechtsanwalt, der mich in den Fall Chodorkowski hineingezogen hat. Der feine, alte Herr hatte die Verteidigung übernommen. Sein Urteil war klar. Die Aktenlage belege, dass Yukos unter Chodorkowski nach damaliger Rechtslage keine Gesetze verletzt habe. Wenn Russland ein Rechtsstaat sei, müsste Chodorkowski freigesprochen werden.

Die Jahre lehrten uns, dass Putin das anders sah.

Das erste Urteil: neun Jahre, später auf acht gekürzt. Dann: Vorbereitung eines zweiten Prozesses in Tschita, nahe an der Grenze zu China. Wenn die Anwälte zu dem Häftling fliegen wollten, hatten Flugzeuge technische Schäden, Flüge wurden gecancelt. Wenn es ihnen gelungen war, nach Tschita zu kommen, waren Prozesstermine kurzfristig abgesagt worden.

Juri Schmidt, Sohn einer deutschstämmigen Akademikerin aus der Intelligenzija und eines Vaters, der 26 Jahre im Gulag überlebt hatte, wurde zum Kopf und zur Seele der Verteidigung. Er war ein glühender Verteidiger des Rechts – voller Hoffnung, als das Sowjetsystem zusammenbrach und der Rechtsstaat sich zu formieren schien. Viele setzten sich für Chodorkowski ein und überzeugten mich, richtig zu handeln: So auch Arseni Roginski, Historiker vom Zentrum "Memorial" und Anfang der 1980er Jahre selbst noch im Lager inhaftiert. Er wurde zu meinem zweiten Begleiter und zu einem väterlichen Berater von Chodorkowski. Arseni war nicht kritiklos gegenüber den Goldgräbern im Durcheinander der Jelzin-Zeit. Aber er hat früh verstanden, dass es Michail Chodorkowski schon damals nicht mehr um noch mehr Reichtum ging. Er sah, dass dieser begabte junge Mann zu verstehen begann, dass ein korruptes Russland, in dem wenige sich den Reichtum aufteilten, in den Ruin getrieben würde.

Existenzielle Not bringt Menschen enger zusammen als unbekümmerter Alltag. Ich litt mit Juri Schmidt, als der Krebs ihn immer stärker zu zeichnen begann und er dennoch weiter gegen Putins Unrechtsjustiz kämpfte. Seine Gestalt immer schmaler, seine Wut immer dringlicher, so nahm Juri Schmidt die Tiefschläge von vergeblichen Berufungen und Revisionen hin. Er kämpfte um jeden Tag seines Lebens – ich wusste, er wollte Michail Chodorkowski wenigstens einen Tag in Freiheit erleben.

Es gab keine ermutigenden Zeichen in all diesen Jahren. Wir hielten zusammen, wir machten uns Mut. Juri Schmidt starb, ohne dass ihm sein Wunsch erfüllt wurde. Chodorkowskis Mutter erkrankte schwer. Ein dritter Prozess wurde vorbereitet. Die Anklage könnte auf Auftragsmord hinauslaufen, wurde gemunkelt. Putin vergisst nie, hieß es. Er dürfte sich bis 2024 wiederwählen lassen. Niemand glaubte daran, dass er Michail Chodorkowski doch noch freilassen könnte.

Nun ist alles anders gekommen. Ein Sinneswandel Putins? Ist der ehemalige KGB-Mann doch ein guter Zar? Ich glaube nicht daran. Das Zauberwort heißt Sotschi. Die Olympischen Spiele sollen Putin auf dem Höhepunkt seiner Macht zeigen. Dieses Projekt begann zu wanken. Er hat die Frauen von Pussy Riot in Haft gebracht, die russische Schwulen- und Lesbenbewegung verfolgt, Greenpeace-Aktivisten mit Gefängnis bedroht, den Schlächter Assad mit Waffen beliefert, die Ukraine eingeschüchtert. Sein Fest drohte zu einem Debakel zu werden. Für die stille Diplomatie bot damit sich ein Fenster der Gelegenheit.

Und nun die Begegnung im Adlon. Wie begegnen sich zwei, die sich jahrelang kennen und nie miteinander gesprochen haben? Wir kannten uns eben doch – durch all jene, die das Netzwerk um Michail Chodorkowski bildeten.

Ich drückte erst Pawel, den Sohn, der dem Vater so ähnlich sieht. Und dann Michail Borissowitsch. Auch er war von dem Tempo der Entlassung überrascht. Er hatte zwei Texte verfasst: ein kurzes Gnadengesuch und einen Brief an Putin, in dem er um Entlassung bat, um seine kranke Mutter sehen zu können. Es gab kein Schuldeingeständnis von ihm, aber die Ansage, weder um sein Vermögen noch politisch kämpfen zu wollen. In unserem Gespräch beklagte sich Chodorkowski mit keinem Wort. Nicht über das große Unrecht oder die gestohlenen Jahre. Aber er hat eine neue Welt gesehen hinter dem Stacheldraht russischer Lager. Gewalt unter den Häftlingen. Das Ausgeliefertsein der Insassen an das Lagerregime. Wirst du beschuldigt, hast du keine Chance. Wirst du erpresst, gibt es niemanden, an den du dich wenden kannst. Wird dir Gewalt angetan, dann bist du schutzlos. Chodorkowski ist nicht verbittert oder hart geworden. Aber entschieden. Entschieden, dass diese existenzielle Erfahrung seine Richtschnur sein wird für künftiges Handeln. Noch sind seine beiden Yukos-Partner nicht frei.

Wer sich fragt, ob Michail Chodorkowski nun gegen Putin weiterkämpfen werde, hat das System Putin nicht verstanden. Er könnte Chodorkowskis Partner als Geiseln in Haft halten. Er wird nicht darum kämpfen, den alten Besitz zurückzuerobern. Zehn Jahre im Lager machen hart oder verständig. Chodorkowski hat verstanden, dass ein Leben in Freiheit ein unersetzliches Gut ist.

Pläne? In Russland warten viele Tausend Namenlose auf ihr Recht. So auch in anderen Ländern. Ich bin mir sicher: Michail Borissowitsch Chodorkowski wird für Recht und Freiheit kämpfen. Nun nicht mehr für sich, sondern für andere.

Dieser Artikel von Marieluise Beck erschien am 27. Dezember 2013 in Die Zeit.

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