Marieluise Beck

Mitglied des Deutschen Bundestags

Auf den Spuren Hans Koschnicks: Verhindern, dass der Balkan wieder in neue Krisen stürzt

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Mit Jakob Finci und Milan Trivic

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Mit Jakob Finci und Milan Trivic

Marieluise Beck ist Vorsitzende der Deutsch-Bosnischen Parlamentariergruppe und Ehrenbürgerin der bosnischen Stadt Lukavac.

Sarajevo im Oktober 2016. Die deutsch-bosnische Parlamentariergruppe bereist Bosnien und Herzegowina. Das Land ist aus dem Blickfeld geraten, denn keine Nachrichten sind gute Nachrichten, und es gibt dramatische Krisen, die die Welt in Atem halten.

Doch hinter der vermeintlichen Ruhe verbirgt sich ein instabiles, von ethnischen Spannungen, Lethargie und Korruption belastetes Land. Die politischen Repräsentanten dieses Landes, das aus einer „Republika Srpska“, einer bosnisch-kroatischen Föderation – darin wieder zehn Kantonen – und 140 Ministern besteht, wird im Würgegriff der nationalistischen Führer gehalten, die unter dem Deckmantel des bürokratischen Wirrwarrs prächtig leben.

Zwar beteuert die gesamte politische Elite, nichts sei ihr wichtiger als der Weg in die Europäische Union. Doch die EU bringt mit ihrer Forderung nach Transparenz und gutem Regieren die fein geschmierte politische Maschinerie in Bedrängnis. Denn das Land wird weniger durch Institutionen als durch ethnische Parteien regiert.

Die Kommunalwahlen im Oktober haben das Land in neue Turbulenzen gestürzt. Die Stadt des Genozids Srebrenica wird nunmehr erstmals von einem Bürgermeister geführt, der den Genozid an den Bosniaken im Sommer 1995 infrage stellt. Tatsächlich ist eine neue militärische Eskalation nicht auszuschließen. Dazu brauche es nur einen Funken, hören wir von der jüdischen Autorität Jakob Finci, von den Müttern von Srebrenica und von den gemäßigten jungen Leuten, die das Land noch nicht verlassen haben. Die Abwanderung der jungen Generation ist dramatisch: Wer kann, verlässt das Land. Vor allem die gut Ausgebildeten.

Wieder treffen auf diesem Fleckchen Erde, von dem die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, die alten Imperien zusammen. Moskau belohnt die serbischen Nationalisten mit demonstrativ zelebrierter Freundschaft. Ankara beschwört die gemeinsamen Wurzeln des osmanischen Reiches. Die alten Bruchlinien der gegeneinander kämpfenden Mächte verlaufen in diesem kleinen Land – und weder der Hohe Repräsentant der UNO noch der EU-Sondergesandte haben die Autorität, um sich der drohenden Gewalt entschieden genug entgegenzustellen.

„Die besten Zeiten“, sagt eine junge Bürgerrechtlerin aus Mostar, „hatten wir 1996, als Hans Koschnick unsere geteilte Stadt begleitet hat.“ Europa wäre gut beraten, entschiedener und gemeinsam in Bosnien zu agieren. Wir müssen verhindern, dass der Balkan unter dem Einfluss spaltender Kräfte wieder in neue Krisen stürzt. Denn Gewalt dort, wir sollten es gelernt haben, zeigt Folgen auch bei uns.

 

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